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Am 15.3. hat – zumindest theoretisch – ein ganz normales neues Sommersemester begonnen (mein Drittes!). Dass es nicht einfach nur ein neues Sommersemester werden würde, wurde allerdings schon ca. 1 Woche vorher klar. Nach Anweisung des Bayer. Staatsregierung hatten alle Hochschulen ihre Präsenzveranstaltungen auf die Zeit bis nach dem 20. April zu verschieben. [mit Updates vom 23.03.]

Was sollte ich tun? Am 15.3. um 10 Uhr war meine erste Vorlesung. Bei genauerer Überlegung kam ich zum Ergebnis, dass ein regulärer Start zu regulären Terminen wohl das beste wäre. Bis dahin gab es aber noch einiges zu tun. Ein Blick auf mein Equipment zuhause zeigte: Ich hatte nur das Notebook mit eingebauter Kamera und Mikrofon. Dazu noch eine – klanglich nur passable – USB Freisprechanlage von Jabra. Da musste ich wohl aufrüsten. Mein Plan war außerdem mit dem DFN Tool „Adobe Connect“ zu starten. Bereits am 13.3. dauerte der Anmeldeprozess aber 10x solange wie vorher, daher verwarf ich auch das. Außerdem waren natürlich Änderungen am Kursdesign notwendig. Ziel war, ein gutes Videobild, Screensharing und Gruppenarbeiten als vollständigen Vorlesungs-Ersatz durchführen zu können. Dazu unten aber mehr.

Hardware

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Die Hardware war ganz klar ein wunder Punkt. Die Kamera im Notebook ist qualitativ nicht gut, außerdem muss man immer nach unten sehen (der Nacken wird’s danken!). Die Zuseher bekommen außerdem eine unnatürliche Perspektive von unten auf den Redner (die Psychologen sagen, die Zuhörer fühlen sich abgewertet). Also musste eine gute Streaming Kamera her. Fündig geworden bin ich bei Logitech, die einige sehr gute HD Kameras im Programm haben. Entschieden habe ich mich für die Logitech StreamCam (siehe Foto). Die hat ein paar sehr professionelle Features, z.B. Auto-Bildausschnitt, die Möglichkeit auch Hochkant-Videos zu machen und vor allem eine sehr gute Bildqualität.

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Wer öfter an Video-Konferenzen teilnimmt, weiß, dass die Tonqualität der wesentliche Faktor ist. Schlechte Tonqualität lässt die Teilnehmer schnell ermüden und führt zu Verständnisschwierigkeiten. Daher musste natürlich auch ein gutes Mikro her. Ich dachte, was für Youtuber gut genug ist, sollte auch mir reichen: Die Wahl fiel auf das BLUE YETI X (siehe Foto). Zugegeben, das ist schon ein riesen Trum, aber die Tonqualität ist überragend. Für beide Dinge zusammen sind ca. € 350 zu veranschlagen.

Video-Konferenz-Plattform

Wie eingangs erwähnt schied Adobe Connect von Anfang an aus. Aus meiner Sicht sind die internen Kapazitäten, so ein Tool zuverlässig für das ganze Vorlesungsprogramm zu hosten, einfach nicht da. PEXIP geht auch nur bis 25 TN. Das ist ganz klar und aus meiner Sicht auch nicht negativ. Ich wollte nur am Montag um 10 Uhr starten und nicht noch tagelange Technik-Odysseen überstehen müssen. Für die aktuelle Situation musste ich mich also am Markt umsehen. Im Prinzip ganz klar der Marktführer ist Cisco Webex. Allerdings relativ teuer, wenn man mehr als 50 Sitze braucht. GotoMeeting ist bekannt, aber etwas schwierig zu bedienen. Bei Konsultation der Gartner-Matrix viel mir Zoom auf. Vorher kannte ich das Tool nicht, aber die Funktionalität war interessant:

  • Pro-Lizenz für ca. 17€ pro Monat inkl. Steuern
  • 100 Teilnehmer mit einer unbegrenzten Anzahl von Meetings
  • Übliche Funktionaltität – Video/Audio-Streaming, Desktop-Sharing
  • + Möglichkeit Breakout-Sessions zu bilden
  • + Möglichkeit Lokal aufzuzeichnen

Gerade die beiden letzten Möglichkeiten sind für mich toll, denn Gruppenarbeiten lassen sich so super umsetzen. Aufnahmen können dann auf den Hochschul-eigenen Streaming-Server geladen werden und liegen nirgendwo im Netz herum.

Kurs-Design und Start

Um alle Nutzer noch am Wochenende vor den Ferien erreichen zu können, habe ich mit der Liste der registrierten Kursteilnehmer eine Rundmail versendet, die alle Informationen zum Moodle-Kurs, Registrierung und – wichtig – Ablauf während der nächsten Wochen umfasste.

Dann machte ich mich an das allgemeine Kurs-Design. Die Frage war, wie z.B. Buzz Groups, Gruppenarbeiten, Case Studies im neuen Format umgesetzt werden könnten (auf der Moodle Plattform).

Hier einige Ideen dazu (natürlich nicht abschließend):

Buzz Groups und direkte Lernkontrolle habe ich Digital mit Mentimeter umgesetzt. Zu bestimmten Themen können die Studenen so online ihre Rückmeldungen eingeben und z.B. eine Wordcloud erstellen, die besprochen werden kann. Das hat super funktioniert. Ähnliche Tools gehen natürlich auch.

Case Studies sind da schon etwas schwieriger. Denn online kann ich meine Kursteilnehmer nicht sehen und auch nicht individuell bei Rückfragen während des ersten Kennenlernens eingreifen. Deshalb habe ich mir in Moodle mit H5P und der Test-Aktivität einen gestaffelten Ablauf überlegt: Die Studenten erarbeiten sich einen Teil der Fallstudie und müssen danach Verständnisfragen beantworten. Sind diese zu einem ausreichenden Grad beantwortet, kann der nächste Teil gelesen und beantwortet werden. Ich habe die Studenten hier in Gruppen zusammengeschaltet (s.u). Durch die Zwischentests kann ich auch sehr gut sehen, wo die Studenten im Case gerade stehen. Am Ende des Cases erhalten die Studenten ein Word-Dokument, mit dem sie zuhause einen kurzen Essay anfertigen müssen.

Nach dieser ersten Einlesephase diskutieren wir die Problemfelder, Situation und Lösungen im Case. Hierzu teile ich einfach meinen Bildschirm mit Powerpoint und nutze den als virtuelle Tafel. Das PPT stelle ich danach in Moodle ein. Während dieser Phase sind die Studenten laut geschaltet und wir diskutieren den Case.

Gruppenarbeiten sind mit Zoom sehr schön umzusetzen. Mit einem Mausklick kann ich die Gruppe in verschiedene kleine Gruppen unterteilen, die untereinander mit Audio, Video und Screensharing interagieren können. Ich bin in dieser Phase außen vor und besuche die einzelnen Gruppen zwischendurch um Fragen aufzunehmen und zu beantworten. Nach dem Ende der Bearbeitungszeit nehmen können die Studenten ihre Ergebnisse als PPT über die Screen Sharing präsentieren. [Edit 23.03.] Was gut funktioniert, ist auch die Gruppenarbeiten mit
https://yourpart.eu/ (kostenlos, danke Anita Sangl!) oder mit Google Docs zu unterstützen. Bei beiden ist der Gruppenfortschritt immer transparent, weil man als Workshop-Leiter das Dokument auch sieht und die Gruppe entsprechend steuern kann. Das Vorgehen hier:

  • Yourpart.eu: Ein einfacher Texteditor, auf dem alle Gruppenteilnehmer Text eingeben und gleichzeitig die Editierungen anderer Teilnehmer sehen können
  • Google Docs: Das Vorgehen hier: Man erstellt ein Google Doc (Präsentation, Textdokument) und gibt es über Link-Sharing – Edit – Rechte nicht vergessen – frei. Die jeweiligen Gruppen bekommen einen Link zum Dokument und können es modifizieren. Danach Präsentation der Ergebnisse wie gehabt.

Weitere Gamification – Elemente sind kein „must“, aber z.B. Kahoot funktioniert in dem Kontext Online-Vorlesungen auch ganz toll.

Moodle ist hier natürlich ein wichtiger Kern-Baustein. Denn hier kann ich Dinge wie Lernfortschritt, Erfolgskontrolle und Hausaufgaben einfach und pro Student managen. So kann ich individuell auf die Teilnehmer eingehen. Das Einlesen in fortgeschrittene Aktivitäten, z.B. Multiple-Choice-Fragen, Foren, Wikis, H5P halte ich unbedingt für notwendig. Das ist leider schlecht dokumentiert, aber nutzt nichts (bei uns an der Hochschule helfen aber z.B. das Digital Learning Team sehr viel weiter! Danke!).

Bei der Durchführung der Kurse halte ich folgendes für sehr wichtig – im Grunde gilt es Unsicherheiten und Distanz, also fehlende persönliche Interaktion, zu überwinden. Gegenmaßnahmen:

  1. Am Anfang der Kurse klare Ziele formulieren und auch bereits Methoden und Tools ansprechen, die verwendet werden.
  2. Den Moodle-Kurs auf Vordermann bringen. Erklärende Texte, Online Fragebögen etc. die dann gemeinsam besprochen werden können. Nicht alles nur als ein PDF einstellen, sondern versuchen mit Struktur die Teilnehmer durch den Kurs zu führen.
  3. Es ist noch wichtiger über Lernziele zu führen und klar zu machen, wenn diese erreicht sind.
  4. Aus meiner Sicht ebenfalls wichtig – alles am Laufen halten. Deshalb habe ich angefangen, den Studenten von einer Vorlesung auf die andere kleine Hausaufgaben aufzugeben, um das Besprochene zu vertiefen und halte das auch nach.
  5. Aufnahmen von Vorlesungen können auch später zur Verfügung gestellt werden. Das betrifft aber nur die Nicht-Interaktiven Teile, bei den interaktiven macht das aus meiner Sicht keinen Sinn. Ich möchte auch vermeiden, als „Lern-Netflix“ wahrgenommen zu werden. Es geht um Lernen, nicht um berieseln. Das muss allen klar sein!

Das alles hat sehr gut funktioniert – ich bin gespannt wie es weiter geht, sehe aber allen Eventualitäten nun entspannt entgegen. Vielleicht konnte ich dem Einen oder Anderen mit diesem kurzen Beitrag helfen. Für mich viel spannender – welche Schlüsse werden wir bzgl. Präsenzlehre nach dieser Ausnahmesituation ziehen?!

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